6. Oktober 2022

Freiwillige organisieren Bergwochenende für ukrainische Familien

Vier Freiwillige haben, im Rahmen einer Projektinitiative der Naturfreunde, ein Wochenende für ukrainische Familien in die Bergwelt von Werfenweng organisiert. Ziel war es eine Abwechslung zum Alltag im Flüchtlingsquartier zu schaffen und ein Gemeinschaftsgefühl an der frischen Luft zu ermöglichen.

Am Südrand des Tennengebirges gelegen, ist die Schutzhütte Anton-Proksch-Haus der Naturfreunde Salzburg (1.630 m) Unterkunft und Ausgangspunkt für die Abenteuer in der Natur. Für die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der Ukraine ist es das erste Mal im Gebirge. Nur Einzelne kennen Berge von einer Urlaubsreise in die heimatlichen Karpaten im äußersten Südwesten des Landes oder von der Krim.

Das Bergerlebnis

Mit einer Tasse Kaffee auf der ‘Sunbeng’ sitzend genießt Iryna die Stille und den herbstlichen Morgen mit seinem warmweichen Licht, den aufsteigenden Nebelschwaden und der klaren, kühlen Luft. Mit den Kindern ein wenig Normalität erleben können, das ist ihre Motivation für die Teilnahme. Iryna fasziniert die wundervolle Aussicht auf schroffe Berggipfel. Von manchen schimmern bereits weiße Flecken in der Morgensonne. Schnee im September, wie schön. Iryna feiert heute ihren Geburtstag, was gleich am Morgen mit einem spontanen Ständchen gewürdigt wurde.

Der Tag steht unter dem Motto ‚aktiv in der Natur‘. Von Alex, Ursula, Barbara und Alexander werden zwei Wanderungen mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad angeboten. Die kleineren Kinder und die Familien spazieren am Forstweg zur nahegelegenen Dr. Heinrich-Hackel-Hütte, während sich die Gruppe der Bergbegeisterten die Tauernscharte auf über 2.000 m vornimmt. Nach einer kurzen Abstimmung über Wetter und Route geht es los.

Die sprachliche Verständigung ist einfacher als gedacht. In den Gesprächen helfen auch Unbeteiligte beim Ausdrücken dessen, was gemeint ist. Einige Teilnehmer können sich schon recht gut auf Deutsch unterhalten. Andere weichen auf Englisch aus. Auch der Umweg über das Russische trägt zur Klärung mancher Kommunikationsprobleme bei. Zur Not gibts auch eine Übersetzungs-App. Die aber stößt rasch an ihre Grenzen bei Wörtern wie ‚Gugga‘, mit dem man nach Gämsen Ausschau hält und bei ‚Manggei‘, die piepsend gesichtet wurden.

Trotz der ungewohnten körperlichen Anstrengung sind die Jugendlichen und die Mütter der Bergwandergruppe hoch motiviert, den Gipfel zu erreichen. Am Weg begeistern Kühe, Kuhfladen, Preiselbeeren und der felsige Weg durch die Latschen. Fleißig wird fotografiert und gefilmt, um den Liebsten in der Heimat von den abenteuerlichen Tagen zu berichten.

Geführt wird die Gruppe von Barbara Ausweger und Alexander Schlager aus der Faistenau. Die beiden Bergfexe haben von diesem Projekt über die sozialen Medien erfahren und waren gleich von der Idee begeistert. Den Initiator Alex Glas haben sie zuvor nicht gekannt. Dem jungen Paar macht die Arbeit mit den Jugendlichen und den Flüchtlingen großen Spaß. Die Eindrücke machen ihnen Lust auf weiteres freiwilliges Engagement.

Die letzten Kraftreserven mobilisierend erreicht die gesamte Gruppe die Tauernscharte. Nach einer kurzen Jausenpause und einem Erinnerungsfoto geht es gleich wieder zurück. Nebel zieht über die Scharte und es wird ziemlich frisch. Der Rückweg ist mit einigen unwegsameren Passagen um einiges anspruchsvoller als der Aufstieg. Müde, mit Blasen auf den Fersen, aber glücklich erreichen letztendlich alle am späteren Nachmittag die Hütte. Ohne Regen, dafür mit zwei Sackerl Eierschwammerl für das Abendessen.

Die Organisation des Bergwochenendes

Die Naturfreunde Salzburg haben in der Freiwilligenbörse des Freiwilligenzentrum Salzburg Menschen gesucht, die ihre Ideen für Freizeitaktivitäten mit ukrainischen Flüchtlingen einbringen und umsetzen möchten. Im Rahmen eines professionell moderierten Workshops hat Alex Glas beschlossen, seine Projektidee ‚Bergwochenende‘ in die Tat umzusetzen. Die Naturfreunde Salzburg unterstützen das Vorhaben und stellen die Unterkunft samt Betriebskosten sowie den Verpflegungs- und Gepäcktransport zur Verfügung. Neben Barbara und Alexander hat sich mit Ursula Itzlinger eine weitere Mitstreiterin gefunden.

 

Für all jene Teilnehmer*innen, die den zweistündigen Fußmarsch zur Hütte nicht meistern wollen, haben die Bergbahnen Werfenweng und der Bürgermeister ihre Mithilfe bei der Beförderung zur Unterkunft zugesagt. Die Kosten für die Verpflegung konnten durch Fördermittel aus dem Integrationsfonds (ÖIF) abgedeckt werden. Fehlende Ausrüstung wie Wanderschuhe, Regenjacken und warme Kleidung wurden im Bekanntenkreis der Freiwilligen ausgeliehen. Angereist wurde umweltfreundlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Für Alex Glas ist es schon die dritte Freizeitaktivität mit ukrainischen Flüchtlingen. Beim Wandern auf den Gaisberg und bei einer Radtour war er bereits Begleiter. Das Bergwochenende hat er selbst initiiert und die Leitung übernommen. Ursula hat bereits Erfahrung mit jugendlichen Flüchtlingen im Sprachtraining sammeln können. Am Wochenende ist sie für die Verpflegung und den Küchen- und Hausdienst verantwortlich.

Ein Stück Heimat

Bei einer Vorbesprechung wurde gemeinsam mit den Teilnehmern ein Speiseplan samt Einkaufsliste erstellt. Die Freude über die Möglichkeit, ein Wochenende lang wieder einmal ukrainische Hausmannskost selbst kochen zu können, war riesig.

„Für mich ist Freiwilligenarbeit total erfüllend. Man erkennt, wie gut es einem geht. Wir haben alles! Uns bieten sich so viele Möglichkeiten! So vieles ist selbstverständlich für uns“, antwortet Ursula auf die Frage „Macht Freiwilligenarbeit glücklich?“. Ursulas bisher schönstes Erlebnis an diesem Wochenende ist das gemeinsame Kochen in der Küche. Es lässt den ukrainischen Müttern ihre Heimat wieder ein großes Stück näher kommen. Dabei wird so manche Träne des Glücks und des Freiheitsgefühls vergossen. Keinesfalls fehlen durfte natürlich der traditionelle, geröstete Buchweizen, der als Porridge zum Frühstück oder als Begleiter zu Süßem oder Saurem gerne gegessen wird.

Für Ursula ist das Bergwochenende bestimmt nicht ihr letztes Freiwilligenengagement. Das nächste Mal möchte sie wieder etwas mit Jugendlichen machen. Vielleicht gibt es auch eine Fortsetzung des Bergwochenendes im Winter oder im Frühling. Jedenfalls wünschen sich das die ukrainischen Teilnehmer*innen.

Fotonachweis: Josef Blaschko