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11. August 2021

Wenn mathematische Aufgaben an einer Stehleiter scheitern – GenerationenLernen unterstützt Kinder mit Migrationserfahrungen

Ein geflüchtetes Mädchen aus Afghanistan ist überaus intelligent und gibt sich große Mühe beim Lernen. Auch das Fach Mathematik bereitet ihr Freude. Obwohl sie weiß, wie man den Satz des Pythagoras anwendet, scheitert eine Aufgabe daran, dass sie das Wort „Stehleiter“ nicht versteht. Barbara Freiszmuth, Leiterin des Projekts GenerationenLernen, verrät im Interview, wie man Menschen mit Migrationserfahrungen auf ihrem Bildungsweg unterstützen kann und warum generationenübergreifendes Lernen wichtig ist.

Inwiefern hilft GenerationenLernen Menschen mit Migrationserfahrungen?

GenerationenLernen ist ein Projekt, das die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen verbessert. Durch regelmäßige Lerntreffen werden sie bei ihren persönlichen Anliegen und Fragen unterstützt. Wenn junge Menschen mit Migrationshintergrund bei uns um Hilfe anfragen, wird zunächst ein Tandem zwischen Lernmentor*in und Mentee gebildet. Besonders wichtig ist uns, dass die Teams gut zueinander passen und wir auf die individuellen Charaktere, deren Bedürfnisse und Interessen eingehen.
Eine tolle Erfolgsgeschichte, die wir kürzlich miterleben durften, ist die des kleinen C. Er ist ein kluger Junge aus Somalia und möchte nach der Volksschule unbedingt das Gymnasium besuchen. Obwohl er in fast jedem Fach gute Noten hat, musikalisch höchst begabt ist und fließend Englisch spricht, fällt es ihm schwer, Deutsch zu lernen. Mit der Hilfe eines Mentors von GenerationenLernen wurde fleißig geübt, sodass C. seine Note in Deutsch verbessern konnte und sich nun freut, dass er auf ein Salzburger Gymnasium wechseln darf.

Wie kam es zu dem Projekt und weshalb liegt der Fokus auf generationenübergreifendem Lernen?

Ein zugewanderter Jugendlicher benötigte vor einigen Jahren Hilfe beim Deutsch lernen. Aufgrund der Erkenntnis, dass großer Bedarf für die Lernbegleitung von Kindern mit Migrationserfahrungen besteht, entstand die Projektidee von GenerationenLernen. Mittlerweile gibt es GenerationenLernen seit über zehn Jahren.
Wir sind überzeugt, dass sich Altersunterschiede positiv auf unsere Lerntandems auswirken. Die reiferen Generationen geben Wissen und Erfahrungen an die Jüngeren weiter. Dadurch werden Ruhe und Gelassenheit in die Lernpatenschaften eingebracht. Manche Ereignisse werden durch die Perspektive älterer Menschen entspannter wahrgenommen, wenn man etwa einen Fünfer bekommt oder eine Klasse wiederholen muss. Auch die jungen Mentees geben ihren Mentor*innen viel zurück. So haben die Jugendlichen in Zeiten der Pandemie neue Herangehensweisen in die Patenschaften eingebracht und wichtige Informationen über moderne Kommunikationsmittel zur Verfügung gestellt.

Welche Rolle spielt Sprache in Ihrem Projekt?

Sprache ist der wichtigste Hebel für eine gelungene Integration. Der Sprache nicht mächtig zu sein bedeutet, sich nicht mitteilen zu können und von der Gesellschaft ausgeschlossen zu sein. Sprache ist immer präsent, auch in unseren Lernpatenschaften. Zu uns kommen manche Kinder und Jugendliche, die neu zugezogen sind und über keinerlei Deutschkenntnisse verfügen. Andere wiederum sprechen sehr gut Deutsch und brauchen Unterstützung beim Lernen der Grammatik oder in Fächern wie Biologie. Die Anfragen an unser Projekt sind breit gefächert. Wir wollen alle Kinder und Jugendlichen, die Deutsch lernen möchten oder sich in einer Ausbildung befinden, unterstützen. Dafür ist Sprache die Grundvoraussetzung und für jedes Fach, von BWL über Musik, relevant.

Wie wichtig sind freiwillige Helfer*innen für GenerationenLernen?

Unsere wunderbaren Lernmentor*innen sind die tragende Säule von GenerationenLernen – sie sind unverzichtbar für das Projekt. Zum Beispiel engagieren sich zwei Mentorinnen bei uns, die vier Kinder aus einer tunesischen Familie über ihre gesamte Schulzeit hinweg begleitet und unterstützt haben. Die ältesten Kinder besuchen mittlerweile die Oberstufe eines Gymnasiums. Ohne die Hilfe ihrer Lernbegleiterinnen wäre dies vermutlich nicht möglich gewesen. Das Schöne an unserem Projekt ist, die tollen Erfolge der Kinder mitzuerleben und zu wissen, dass die Hilfe auch langfristig, in den nächsten Generationen, etwas bewirkt.
Auch während der Corona-Krise wurde hier Unglaubliches geleistet! Obwohl sich die Bedingungen ständig verändern, wurde kein Mentee im Stich gelassen. Durch individuelle und kreative Lösungen unterstützen wir die Kinder und Jugendlichen auch in dieser herausfordernden Zeit. So wurden bis zum Sommer manche Hausaufgaben per Briefschlitz oder Fenster überreicht, und Nachhilfe, anstatt in den üblichen Räumlichkeiten, zwischen Terrasse und leicht geöffneter Balkontüre gegeben.

Wer kann sich bei GenerationenLernen engagieren?

Bei GenerationenLernen sind alle herzlich willkommen, die sich gerne für Kinder und Jugendliche mit Migrationserfahrungen einsetzen wollen! Viele denken, man müsse Lehrer*in sein, um sich bei uns engagieren zu können. Tatsächlich sind die einzigen Voraussetzungen für Freiwilligenarbeit in diesem Bereich jedoch, gerne mit Kindern zu arbeiten, verlässlich zu sein und etwa zwei Stunden pro Woche zur Verfügung zu haben.
Manche an Freiwilligenarbeit Interessierte denken, sie hätten keine Begabung in einem spezifischen Fach. Wenn man dann miterlebt, wie viel Freude es ihnen bereitet, Volksschulkindern das Lesen beizubringen, ist das wirklich rührend. Andere Menschen kommen zu uns und möchten ihre Leidenschaft für ein bestimmtes Fach, etwa Geografie oder Italienisch, weitergeben. Uns ist es immer wichtig, auf die Bedürfnisse unserer Freiwilligen Rücksicht zu nehmen. Wenn wir Mentor*innen und Mentees füreinander auswählen, achten wir auf die jeweiligen Möglichkeiten, wie Interessen, zeitliche Ressourcen oder Mobilität, und finden immer zwei zueinander passende Personen, die sich ideal ergänzen. Beispielsweise engagiert sich eine Rollstuhlfahrerin bei GenerationenLernen, die den Wunsch hatte, die Lernbetreuung bei sich abzuhalten. Wir haben dies mit der Mutter der Mentees organisiert und nun besuchen die Kinder die Dame einmal wöchentlich zum Lernen.

Wie gestalten sich die Lerntreffen für freiwillige Mentor*innen?

Auch hier haben die Wünsche der ehrenamtlich Engagierten oberste Priorität für uns. Viele Mentor*innen treffen ihre Mentees in öffentlichen Räumlichkeiten, etwa in der Bibliothek. Ein bis zwei Mal pro Woche gibt es Lerntreffen, die entweder zu einem fixen Termin oder flexibel vereinbart werden können. Die Kinder und Jugendlichen bringen ihre Materialien mit und freuen sich immer auf das gemeinsame Lernen. Außerdem organisieren wir regelmäßig Zusammenkünfte für unsere Freiwilligen, damit es Raum zum Kennenlernen untereinander gibt und um besser auf Wünsche und Anliegen eingehen zu können.
Besonders schön sind die Rückmeldungen, die wir von den freiwillig Engagierten bekommen. Die Mentor*innen freuen sich, eine sinnstiftende Tätigkeit auszuüben, jemandem zu helfen und dabei immer wieder tolle Erfolgsgeschichten ihrer Mentees mitzuerleben. Spannend ist, dass sich einige Personen bei uns einsetzen, die vor ihrer Pension wirtschaftliche Berufe ausgeübt haben und nun etwas Gutes tun wollen. Auch die Dankbarkeit der Kinder, der regelmäßige Austausch mit Gleichgesinnten, das Kennenlernen anderer Kulturen und das Gefühl dazuzugehören sind positive Aspekte, die Freiwillige an ihrer Tätigkeit bei GenerationenLernen schätzen.

Weshalb ist freiwilliges Engagement im Bereich der Lernprojekte so wichtig?

Von Tschetschenien über die Philippinen, Syrien oder Frankreich – Die Kinder und Jugendlichen, die bei uns um Unterstützung anfragen, haben alle ihre individuelle Geschichte. Manche sind hier geboren, andere wiederum sind ganz alleine nach Österreich geflüchtet. Was alle Mentees mit ihren vielfältigen Hintergründen eint, ist das menschliche Bedürfnis nach einer guten Zukunft. Dafür ist Bildung ein notwendiger Grundstein.
Für die Kinder ist es wichtig, jemanden zu haben, der in Ruhe mit ihnen lernt. Viele trauen sich nicht, in der Schule Fragen zu stellen, da sie Angst haben, ausgelacht zu werden oder „dumm dazustehen“. Unsere Mentor*innen helfen den Kindern und verdrehen auch nach der zehnten Rückfrage nicht die Augen, sondern vermitteln die Inhalte in harmonischer Atmosphäre.
Ebenso bedeutend ist die Stärkung des Selbstbewusstseins der Mentees. Man merkt, dass sie nach einiger Zeit anders über sich denken, viel sicherer auftreten und positive Zukunftsvisionen entwickeln. Die Kinder und Jugendlichen sind sehr dankbar, an GenerationenLernen teilnehmen zu können. Sie schätzen es, dass jemand für sie da ist, zuhört und ihnen auch in herausfordernden Situationen zur Seite steht.

Was trägt GenerationenLernen zur Integration und zum interkulturellen Austausch bei?

Natürlich liegt der Schwerpunkt unseres Projekts auf dem Bildungsweg, doch durch das gemeinsame Lernen findet auch ein interkultureller Austausch statt. Mentor*innen und Mentees bauen Beziehungen auf und schätzen einander sehr.
Die Kinder und Jugendlichen freuen sich darüber, Österreicher*innen kennenzulernen. Aufgrund der sozialräumlichen Segregation haben Menschen mit Migrationserfahrungen selten die Chance, Kontakte zu Salzburger*innen zu knüpfen. Diese Möglichkeit entwickelt sich leider meistens erst dann, wenn man bereits gut in der Gesellschaft integriert ist, etwa über eine Ausbildung oder Ähnliches. In den Lernpatenschaften sind Gespräche über die jeweiligen Kulturen sehr beliebt. Oft werden Mentor*innen zum Essen oder zu Festen der Familien eingeladen. Aber auch die Mentees sind immer gespannt zu hören, wie Weihnachten oder Ostern in Österreich gefeiert werden.

Welche Auswirkungen hat die COVID-19-Pandemie auf Ihr Projekt?

Aktuell erreichen uns sehr viele Anfragen. Die Krise hat eine Kluft zwischen Bildungsgewinner*innen und Bildungsverlierer*innen aufgetan. Viele Familien haben nicht die nötigen finanziellen Mittel, um sich einen Scanner, Drucker oder PC leisten zu können. Fraglich ist, wie sich die Situation weiterentwickeln wird.
Auf jeden Fall wäre es toll, wenn sich einige neue Mentor*innen bei uns melden würden, damit die Kinder und Jugendlichen den verpassten Stoff aufholen und gut in das kommende Schuljahr starten können.
Gerade heute kam ein freiwilliger Helfer zum persönlichen Coaching und erzählte, wie schön er es findet, dass er in dieser herausfordernden Zeit jemanden unterstützen und Nachhaltiges bewirken kann. Kindern und Jugendlichen auf deren Bildungsweg zu helfen, wirkt der Spaltung zwischen guter und schlechter Bildung entgegen und gibt den Menschen eine Zukunft. Wir sind zwar nur kleine Rädchen in einem riesigen Getriebe, aber jeder kann etwas bewirken und neue Türen öffnen, speziell für diejenigen, die unter den ungleichen Chancen unserer Gesellschaft leiden müssen.
Wer die Kinder und Jugendlichen beim Lernen fördern möchte, kann sich gerne bei GenerationenLernen melden!

 

Kontakt GenerationenLernen:

Mag. Barbara Freiszmuth
Projektleiterin GenerationenLernen
Eberhard Fuggerstraße 5/1
5020 Salzburg
0650 943 85 86
b.freiszmuth@einstieg.or.at

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